Drittes Geschlecht: Viele offene Fragen für den Arbeitsalltag

Die Toilettenbereiche stehen mit dem “dritten Geschlecht” in Unternehmen wie im öffentlichen Raum nun auf dem Prüfstand. Foto: pixabay.de

Wer die Stellenanzeigen durchschaut, wird es am ehesten bemerkt haben: Seit Inkrafttreten einiger Ergänzungen zum Personenstandsgesetz wird neben weiblich und männlich nun auch offiziell ein drittes Geschlecht geführt, “divers”. Im Sinne der Gleichbehandlung werden Stellengesuche somit nun mit “m/w/d” formuliert. Der Zusatz eines weiteren Buchstabens ist infolge der Gesetzesänderung noch der geringste Aufwand. Die Anforderungen, die an Unternehmen und öffentliche Einrichtungen darüber hinaus einhergehen, sind durchaus immens, und vor allem noch nicht wirklich definiert.

Kaarster Kreuz hat sich hierzu mit dem Kaarster Fachanwalt für Arbeitsrecht, Thorsten Schmitter, unterhalten.

“Über die Stellenanzeige hinaus betrifft es den gesamten Schriftverkehr von der E-Mail bis zum Arbeitsvertrag”, sagt Schmitter. Auf der sicheren Seite sei man zunächst einmal, wenn der bis dato verwendete Querstrich (/) für die allgemeine Anrede durch ein Sternchen (*) ersetzt wird. Also: Statt “Mitarbeiter/in” würde die Form “Mitarbeiter*in” nun alle drei Geschlechter einbeziehen. Um im persönlichen Gespräch eine Diskriminierung auszuschließen, müsste die betreffende Person aber vorab von sich aus auf ihr “offenes Geschlecht” hinweisen und sagen, wie sie angesprochen werden möchte. Hier setzt aber auch der deutsche Sprachgebrauch Grenzen, zumindest wüsste der Rechtsanwalt bislang keine alternative Anrede, wenn Herr und Frau ausgeschlossen würden.

Thorsten Schmitter ist seit 23 Jahren als Rechtsanwalt in Kaarst tätig. Foto: privat

Aus rein rechtlicher Sicht, so Schmitter, habe das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in seiner jetzigen Form alles geklärt. Nichtsdestotrotz wird mit Klagen wegen Diskriminierung zu rechnen sein. “In der praktischen Umsetzung gestaltet sich alles noch sehr holprig”, sagt der Jurist. So gebe es noch keine Antworten etwa auf die Minderheitsquote bei Betriebsratswahlen. Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit Arbeitskleidung, etwa wenn eine Bank für Männer eine Krawatte und für Frauen ein Halstuch vorschreibt.

Über das Arbeitsrecht hinaus ist im öffentlichen Bereich vor allem das Angebot sanitärer Einrichtungen die große Unbekannte nach dem neuen Personenstandsgesetz. “Durch einen Erlass wurde zwischenzeitlich der Gastronomie zwar freigestellt, ob sie überhaupt Toiletten anbietet, aber wenn, dann getrennt für Geschlechter”, erklärt Thorsten Schmitter. Unisex-Räumlichkeiten (“all gender”) wie in anderen Ländern lässt das deutsche Gesetz nicht zu. Somit müsste ein dritter WC-Bereich geschaffen werden, was Umbau und Kosten nach sich ziehen würde. Das gerade eingeweihte Feuerwehrgerätehaus in Büttgen mit jeweiligen Wasch- und Umkleidebereichen für Frauen und Männer würde demnach den Anforderungen eigentlich schon gar nicht mehr gerecht werden. “In solchen Fällen, wie etwa auch in Industriebetrieben, müsste den betreffenden Einzelpersonen dann spezielle Duschzeiten vorgegeben werden”, so Schmitter.

Viele Fragen der Praxis sind also noch offen, und es wird spannend zu beobachten sein, wie es sich in der Umsetzung darstellen wird.